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Frauen im Kampf gegen die Kohle - Teil II

Feministischer Umweltaktivismus als Brücke zwischen globalem Norden und Süden im Kampf gegen den Kohlebergbau

Im Dezember ist bereits ein erster Beitrag zu diesem Thema erschienen. Dieser hat die individuellen und gemeinsamen Kämpfe der Frauen in den Kohleabbauregionen Kolumbiens und Deutschlands aus einer feministischen Perspektive miteinander verglichen und gemeinsame Herausforderungen beleuchtet: geschlechterspezifische Arbeitsteilung, Umweltschäden und die Entmachtung der Communitys. 

Dieser Beitrag fokussiert auf die Verbindungen zwischen den Weltregionen und zeigt die Chancen der transnationalen Solidarität für den gemeinsamen Kampf gegen das Erbe der Kohle auf. 

Hindernisse für die transnationale feministische Solidarität überwinden

Trotz zeitlicher und geografischer Unterschiede haben Frauen in der kolumbianischen Kohleabbauregion La Guajira und dem Rheinischen Braunkohlerevier in Nordrhein-Westfalen eins gemeinsam: Frauen tragen die geschlechterspezifische Last der menschlichen Kosten, die mit der Industrialisierung und Globalisierung einhergehen. 

Die feministische Perspektive erlaubt es uns, transnationale Verbindungen für mögliche Formen des Aktivismus und des geschlechtsspezifischen Widerstands im Kampf gegen globalisierte extraktivistische Praktiken zu erkennen.

Extraktivismus bedeutet, dass Rohstoffe wie Öl, Gas, Kohle, Holz oder Mineralien aus der Natur - oft aus dem Boden - genommen werden. Das passiert häufig in großen Mengen und hat immer Auswirkungen auf die Umwelt. Stell dir vor, ein großer Bagger gräbt nach Kohle in der Erde. Dadurch entsteht ein riesiges Loch im Boden, und die Pflanzen und Tiere dort verlieren ihren Lebensraum. Wenn zu viel Kohle gefördert wird, verschmutzt das die Luft und verändert das Klima. 

Die Rohstoffe werden außerdem häufig in andere, reichere Länder gebracht. Das kann dazu führen, dass die Menschen in den Ländern, wo die Rohstoffe herkommen, nicht genug von den Erträgen haben.

Beide Fälle zeigen, wo international Ungleichheiten bestehen, wie begrenzt auf Industrialisierung und Wirtschaftswachstum basierende Entwicklungsperspektiven sind, und von welchen Auswirkungen die Umwelt, Communitys und Frauen im Besonderen betroffen sind.

Das Konzept „Sumak Kawsay“ (Wort aus der Quechua-Sprache, das oft als „buen vivir“ ins Spanische und „gutes Leben“ ins Deutsche übersetzt wird) basiert auf indigenen Weltanschauungen. Es steht für eine alternative Perspektive auf die Welt und ein alternatives sozioökonomisches Paradigma zu den stark verbreiteten westlichen Entwicklungsideen. Es entspringt einer relationalen Weltanschauung, die das Leben im Einklang mit der Natur, das Wohlergehen der Communitys und die Verflechtung aller Lebensformen miteinander in den Mittelpunkt stellt und die dualistische Trennung von Mensch und Natur ablehnt.

Lateinamerika ist geprägt von einer langen Tradition der Auseinandersetzung mit Konzepten wie Post-Development und Sumak Kawsay bzw. buen vivir (gutes Leben) als Ausweg aus dem Kapitalismus und als Suche nach neuen Lebensformen. Diese würdigen die Erfahrungen und Rolle der Lokalbevölkerung und achten gleichzeitig ihre Autonomie – beispielsweise bei der Definition ihrer Identität, ihrem kollektiven Handeln und ihrem traditionellen Wissen [1].

In Deutschland hingegen sind Diskussionen um feministischen Aktivismus häufig in einen breiteren Kontext der Energiewende und Geschlechtergerechtigkeit eingebettet. Feministische Gruppen betonen oft die Notwendigkeit einer „just transition“, welche z.B. den Kohleausstieg und die Chancengleichheit für Frauen in der neuen, grünen Wirtschaft ermöglicht [2]. Die feministische Kritik zielt daher auch darauf ab, Verbindungen zwischen der Energiewende und bestehenden Geschlechterungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt herzustellen. Feminist:innen argumentieren zum Beispiel, dass der Übergang zu einer grüneren Wirtschaft mehr Chancen für Frauen beinhalten muss, insbesondere, wenn es darum geht, Führungspositionen einzunehmen [3].

Widerstand und Resilienz

Die globale Nachfrage nach Kohle ist weiterhin hoch. Deshalb ist es umso wichtiger, jene Hindernisse anzugehen, die den transnationalen feministischen Anstrengungen gegen den Bergbau im Weg stehen, und Möglichkeiten zu finden, diese zu überwinden.

Kontextunterschiede: Eines der größten Hindernisse für die Internationalisierung der feministischen Solidarität ist die fehlende Sichtbarkeit von alltäglichen Bedrohungen für Frauen an Orten, an denen Straflosigkeit und Korruption auf der Tagesordnung stehen. Dies ist insbesondere in Kolumbien der Fall, wo Frauen sehr viel mehr unter den Auswirkungen der globalisierten Wirtschaft leiden, die konstant Rohstoffe aus dem globalen Süden einfordert.

Privilegien: Der Zugang zu Entschädigungsmaßnahmen und einer sauberen Umwelt verstärkt die globale Strukturungleichheit. Feministische Bewegungen kritisieren seit Langem die unabsichtliche Beteiligung von Frauen aus dem Globalen Norden an globalen extraktivistischen Praktiken. Häufig erkennen diese Frauen ihre eigene Rolle im System nicht [4]. Diese bestehenden Probleme werden durch aktuelle politische Prozesse verstärkt. Ein Beispiel hiefür ist der Beschluss der deutschen Regierung als Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine, Kohleimporte aus Ländern wie Kolumbien zu steigern. Diese Entscheidung wurde stark dafür kritisiert, die Rechte von Frauen und vulnerablen Gruppen zu verletzen.

Fehlen von geschlechterspezifischen Maßnahmen: Hinzu kommt, dass sich der Entwurf und die Implementierung von geschlechterspezifischen Maßnahmen, die verschiedene Aspekte des Bergbaus um eine Geschlechterperspektive erweitern sollen, als schwierig gestalten. Öffentlich Bediensteten fehlt es oft an Wissen, um Überlegungen zu geschlechterspezifischen Maßnahmen effektiv miteinzubeziehen. Dies gilt insbesondere für ländliche Gegenden, in denen traditionelle Geschlechterrollen dominieren. Selbst die inklusivsten Maßnahmen sind nicht wirksam, wenn jenen, die für ihre Umsetzung zuständig sind, das Bewusstsein für Gender-Themen fehlt [6].

Den Hindernissen gegenüber stehen emanzipatorische und kreative Überlegungen zum Überwinden dieser Hindernisse:

I. Kontext berücksichtigen und inklusiv denken

Geschlechterrollen – die Erwartungen, die im privaten und öffentlichen Raum an Männer und Frauen gestellt werden – sind gesellschaftliche Konstrukte, die in verschiedenen kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kontexten stark variieren. Diese Rollen und zugehörigen Verhaltensweisen und Chancen sind maßgeblich von historischen, lokalen und globalen Kräften geprägt, was sie veränderbar macht. Der Kontext, in dem diese Rollen existieren, ist dementsprechend essentiell für die Anerkennung der vielfältigen Lebensrealitäten von Frauen.

Die Kontextualität von Geschlechterrollen ist wichtig. Aktivismus und internationale Zusammenarbeit haben das Ziel, Frauen und Communitys dort zu begegnen, wo sie sind, und nicht dort, wo wir wollen, dass sie sind [7]. In der Praxis heißt das, die bestehende Rolle der Frauen innerhalb der Communitys zu stärken. In Ländern wie Kolumbien, in denen der Energiewende-Diskurs an Dynamik gewinnt, bedeutet dies zum Beispiel, die Rolle von Frauen und Communitys als Träger:innen von relevantem, traditionellem und überliefertem Wissen zum Thema Umwelt anzuerkennen, sowie die Inklusion und Beteiligung von Frauen an Plänen zum Kohleausstieg und zur Planung einer Kohle-freien Zukunft zu fördern.

II. Sinnvolle Beteiligungen fördern

Der Kohleausstieg wirft in beiden Ländern die Frage auf, wie sinnvolle Beteiligung gefördert werden kann.

  • Der linke „Historische Pakt für Kolumbien“, eine politische Koalition, die den linksgerichteten Präsidenten Gustavo Petro an die Macht gebracht hat, verkündete, dass das Land sich unter ihrer Führung von fossilen Brennstoffen abwenden würde. Dieser Strategieplan bedarf allerdings konkreten, langfristigen Handelns, das über reine Worte hinausgeht. Frauen- und Menschenrechtsgruppen befürchten, dass die Versprechen der Regierung für den Norden des Landes ein Wahlkampfslogan bleiben werden [8].
  • In Deutschland hat das Credo einer Feministischen Außenpolitik dazu geführt, dass feministische Gruppen mehr mit institutionalisierter Politik in Interaktion treten konnten. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Bestrebungen mit der globalisierten Wirtschaft zu verbinden. Zum Beispiel könnte Deutschland Verantwortung übernehmen, indem es Mittel für die Bekämpfung des Klimawandels zur Verfügung stellt und Verantwortung als Verbraucher von umweltschädlichen Mineralien übernimmt. Auch wenn die Regierung die Frist für den Kohleausstieg von 2035 auf „möglichst noch vor 2038“ verschoben hat [9], haben mehrere nationale NGOs vorgeschlagen, dass Deutschland seinen Beitrag zu multilateralen Klimafonds erhöhen und Frauen und marginalisierten Gruppen der Lokalbevölkerung einen verbesserten direkten Zugang zu diesen ermöglichen sollte [10]. In diesem Kontext war die im September 2024 gefallene Entscheidung der deutschen Regierung, der internationalen Alliance for Feminist Movements beizutreten, welche Frauen- und Menschenrechtsorganisationen im Globalen Süden unterstützt, ein Schritt in die richtige Richtung [11].

Frauen, die von den direkten und indirekten Folgen des Kohleabbaus betroffen sind, sollten im Zentrum von Klimaschutz- und Energiewendemaßnahmen stehen. Trotz ihrer essentiellen Rolle werden sie in Klimaverhandlungen oft marginalisiert und sind Gewalt und Kriminalisierung ausgesetzt [12]. Dies ist insbesondere in Kolumbien von großer Relevanz, da es das Land mit den meisten getöteten Umweltaktivist:innen weltweit ist [13].

III. Internationale Solidarität auch außerhalb institutionalisierter Politik fördern

Internationale Solidarität sollte auch über institutionalisierte Politik hinaus durch Engagement gefördert werden. Transnationale feministische Netzwerke wie die International Group of Women Development Alternatives with Women for a New Era (DAWN) sind Beispiele für solidarische Prozesse, die, Kontextunterschiede anerkennen und vorherrschende Entwicklungsmodelle kritisieren. Dies ist die ursprüngliche Form von Schwesternschaft, die sich von anderen feministischen Perspektiven unterscheidet, welche das geteilte, durch globale Diskriminierung verursachte Leid als vereinenden Faktor im Erleben von Frauen in den Vordergrund stellen [14].

Feministische Organisationen wie DAWN, welche Frauen-Interessenvertretungen, Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen zusammenbringen, erkennen das Potential von Frauengruppen hinsichtlich ihrer Expertise und dem institutionellen Gedächtnis. Das Zusammenbringen von Interessenvertretungen aus dem Globalen Norden und Süden ermöglicht feministischen Organisationen die kollektive Festlegung ihrer Ziele, Themen, Handlungen und Wünsche.

Es besteht allerdings weiterhin die Herausforderung, Klima-, Energie-, Sozial- und Strukturpolitik zusammenzuführen und gleichzeitig lokale Besonderheiten sowie globale Verbindungen zu erkennen. Feministische Herangehensweisen an diese Thematik sind vielseitig. Feminist:innen selbst erkennen an, dass das Engagement und die feministische Solidarität viele verschiedene Erscheinungsformen haben können.

Einige Frauen-Interessenvertretungen fokussieren sich in ihrer Organisationsstrategie auf die Nutzung eines ‚günstigen Zeitfensters‘, das sich durch Änderungen der institutionellen Strukturen ergibt, u. a. durch die Verabschiedung der Feministischen Außenpolitik. Abgesehen von nationalen Maßnahmen ist die erste länderübergreifende Dreieckskooperation zu Geschlechtergerechtigkeit, an der Länder wie Kolumbien, Mexiko, Chile und Deutschland beteiligt sind, ein gutes Beispiel. Diese Initiativen sind von wesentlicher Bedeutung, da sie die Expertise von feministischen Organisationen bezüglich der Implementierung einer messbaren feministischen Außenpolitik betonen [15].

Es gibt jedoch auch Stimmen, die die Rolle des Staates als gewaltfördernd kritisieren und prinzipiell staatlichen Initiativen gegenüber kritisch eingestellt sind. Diese Gruppen fordern, dass der Staat mehr Verantwortung dafür übernimmt, wie er Muster physischer und struktureller Gewalt reproduziert und die Konzentration von wirtschaftlicher und politischer Macht fördert.

Trotz dieser Unterschiede liegt das transformative Potential einer feministischen Perspektive in der Offenlegung von ausbeuterischen und extraktivistischen Praktiken. Sie schafft Bewusstsein, fördert den kontextsensiblen gesellschaftlichen Widerstand und treibt konkret die Veränderung von Institutionen voran, um diese in den Dienst der Menschen und nicht der Unternehmen zu stellen; wie es in extraktivistischen Sektoren wie dem Kohlebergbau lange gang und gäbe war.

Takeaways

Frauen, die von den direkten und indirekten Folgen des Kohleabbaus betroffen sind, sind von zentraler Bedeutung für Klima- und Energiewendemaßnahmen. Ihre Erfahrungen unterstreichen die Notwendigkeit inklusiver Strategien, die ihre spezifischen Beiträge und Herausforderungen in den Blick nehmen. Es ist weiterhin von großer Bedeutung für feministische Aktivist:innen aus Kolumbien und Deutschland, dass Frauen an der Spitze der Umweltgerechtigkeitsbewegung transnationale Unterstützung erfahren. 

Dieser gemeinsame Kampf zeigt auch, dass das transformative Potential von feministischem Aktivismus eine treibende Kraft für Veränderungen ist. Durch den Aufbau von Allianzen und internationaler Solidarität über Ländergrenzen hinweg können feministische Bewegungen ausbeuterische Strukturen herausfordern und neue Wege für eine inklusive, gerechte Zukunft schaffen.

Abgesehen von staatlichen Initiativen braucht es für die Zukunft starke transnationale feministische Netzwerke, die lokale Kontexte einbeziehen, marginalisierten Stimmen Gewicht verleihen und fordern, dass mächtige Akteure Rechenschaft ablegen. Extraktivistische Praktiken sind global – und der feministische Widerstand muss es auch sein und dabei auf Solidarität, Intersektionalität und Systemwandel bauen.

Verwendete Literatur

[1] Muñoz & Villareal, Women’s Struggles Against Extractivism in Latin America and the Caribbean (Stand: 28. September 2024).

[2] Heinrich Böll Stiftung, 2023, CEDAW Committee: German climate policy is not gender just (Stand: 28. September 2024).

[3] Friedrich Ebert Stiftung, 2022, Towards a Gender-Just Transition: A Human Rights Approach to Women’s Participation in the Energy Transition (Stand: 2. October 2024). 

[4] Augusta Nannerini, 2020, Reviewed Work: Complicit Sisters: Gender and Women's Issues Across North-South Divides Sara De Jong, (Stand: 13. August 2024).

[5] Heinrich Böll Stiftung, 2023, CEDAW Committee: German climate policy is not gender just (Stand: 28. September 2024).

[6] GIZ, 2024, Q&A of the Launch of the Guide to Gender and Mining (Stand: 2. October 2024).

[7] SIPRI, 2024, Women, peace and security: Bridging the global–local divide through contextual relevance (Stand: 20. September 2024).

[8] El Pais, 2024, El difícil camino de Petro para despedirse del carbón colombiano (Stand: 25. October 2024).

[9] German Watch, 2019, Transformation Experiences of Coal Regions: Recommendations for Ukraine and other European countries, (Stand: 1. October 2024). 

[10] Heinrich Böll Stiftung, 2022, Climate mitigation and adaptation requires gender-responsive financing (Stand: 20. September 2024).

[11] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 2024, Deutschland tritt weltweitem Bündnis für Frauenrechte bei (Stand: 15. October 2024). 

[12] Global Witness, 2024, Bridging the gap between climate change and human rights: Introducing the Leaders Network for Environmental Activists and Defenders (Stand: 20. September 2024).

[13] Global Witness, 2024, Biodiversity and forest defenders – the stakes of COP16 (Stand: 28. September 2024).

[14] Augusta Nannerini, 2020, Reviewed Work: Complicit Sisters: Gender and Women's Issues Across North-South Divides Sara De Jong, (Stand: 13. August 2024).

[15] CEPAL (2024), Chile, Colombia, Mexico, Germany, and ECLAC Partner to Strengthen Feminist Foreign Policies and International Cooperation for Development (Stand: 13. November 2024).

Übersetzung des Orginalartikels aus dem Englischen durch Danjela Brückner (www.sprachen-brueckner.com).

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